Turn- und Sportverein 1863 Wöllstein e.V.

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Der Spieler der TuS Stettin wurde nach seiner provokanten Aktion gegen einen Schiedsrichter für 18 Wochen gesperrt. Eine Konsequenz aus dem Fausthieb des Spielers der TuS Rüssingen? Foto: Archivfoto

Autor: Claus Rosenberg

 

Nichts mehr wie es einmal war

Wie der Fausthieb von Rüssingen das Rechtssystem des Fußballverbands verändert
 
Alzey. Der Fausthieb, mit dem ein Rüssinger Fußballer im Verbandspokal-Halbfinale vergangenen Herbst einen Linienrichter niederschlug, hat den Südwestdeutschen Fußball-Verband in seinen Grundfesten erschüttert. Nichts ist mehr so, wie es vor dieser skandalösen Unsportlichkeit war. Auch nicht in der Sportgerichtsbarkeit.
Kaum jemand dürfte Zweifel haben, dass der Stettener Fußballer, der beim Hallenfußball-Turnier in Gau-Odernheim dem Schiedsrichter ein Leibchen auf den Kopf legte, vor dem Vorfall von Rüssingen milder bestraft worden wäre. 18 Wochen muss er nun pausieren. Wenigstens hat die Berufungsinstanz, das Verbandsgericht unter Vorsitz des Mainzer Richters Matthias Weidemann, das Ursprungsurteil von acht auf viereinhalb Monate reduziert. Aber auch das ist noch so viel, dass es in der Fußball-Szene für Gesprächsstoff sorgt.
 
Keine Tätlichkeit, sondern schwere Beleidigung

TuS Stetten hatte mit der Berufung Erfolg, weil das Verbandssportgericht den Straftatbestand des Übergriffs von Gau-Odernheim anders deutete als die Gebietsspruchkammer. Timo Hammer, hauptamtlicher Mitarbeiter des Verbandsgerichts, erläuterte: „Die Gebietsspruchkammer sah in der Aktion des Spielers eine Tätlichkeit, das Verbandsgericht eine schwere Beleidigung“. Von daher war das Strafmaß anzugleichen. Aber es schloss sich der Einschätzung an, dass man es nicht mit der Mindeststrafe bewenden lassen könne. Die Strafordnung des Verbands sieht für Vergehen dieser Art Strafen von einer Woche bis sechs Monate vor.
In der Vergangenheit bewegten sich Sportgerichte im allgemeinen im unteren Bereich der möglichen Strafe. Hinter vorgehaltener Hand räumen Funktionäre des Verbands ein, dass dies keine erzieherische Funktion hatte: „Da wurde drüber gelacht. Das galt schon als eine Art Kavaliersdelikt“, heißt es reflektierend. Wahrscheinlich hätte es bis heute niemand wirklich thematisiert, wenn es nicht den Schlag in Rüssingen gegeben hätte.

Strafrahmen wird spürbar angehoben

Die Konsequenzen werden alle Fußballer spüren, wie in den jüngsten Klassenbesprechungen bereits avisiert wurde. Der Verband, so skizzierte beispielsweise der Kreisvorsitzende Alzey-Worms, Lothar Renz, wird „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur neuen Saison den Strafrahmen für Beleidigungen oder Tätlichkeiten gegenüber dem Schiedsrichter anheben.“ Ergo: Viereinhalb Monate, wie sie der Spieler von Stetten hinnehmen musste, werden bald eher die Regel als die Ausnahme sein. Mehr noch: Es drohen in der Breite wie in der Spitze höhere Strafen. Die Satzungskommission unter Vorsitz des Alzeyer Richters Thomas Bergmann wird sich mit einer Verschärfung auseinandersetzen. Das Präsidium steht hinter dieser Reaktion auf die erschütternden (Video-) Bilder von Rüssingen.
Der Schiedsrichter von Gau-Odernheim, der nicht genannt werden möchte, äußerte sich mit dem Urteil von 18 Wochen zufrieden. Ihm hatte es der Stettener Spieler mutmaßlich sogar zu verdanken, dass das Verbandsgericht vom ursprünglichen Vorwurf der Tätlichkeit abrückte. Denn völlig von der Hand zu weisen war der auch nicht. Wer das Leibchen als verlängerten Arm des Spielers interpretiert, muss zu dem Schluss kommen, dass der Stettener dem Referee wenigstens die Hand auf den Kopf legte. Und das ist eine Tätlichkeit.

Schiedsrichter relativiert Eindruck des Gerichts

Der Unparteiische aber korrigierte den Eindruck vorm Verbandsgericht. Da er keinen körperlichen Schaden genommen habe, könne von keiner Tätlichkeit gesprochen werden, erläuterte der Bolander auch im Gespräch mit dieser Zeitung. Was aber blieb, war das Verächtlichmachen einer Autoritätsperson. Nach Worten des Referees sprach das Verbandsgericht von einer „Demütigung des Schiedsrichters“. Sie sei geeignet gewesen, die Autorität des Referees zu untergraben, ihn womöglich der Lächerlichkeit preisgegeben. „Wäre das nicht erst in meinem letzten Spiel an diesem Abend passiert, sondern vorher, meine Entscheidungen hätte doch keiner mehr ernst genommen“, gibt der 35-Jährige zu bedenken. Der Einwand dokumentiert, welche Tragweite diese Aktion des Stetteners hatte, die neutrale Beobachter, vielleicht etwas naiv, zum Schmunzeln fanden.
Für den Schiedsrichter waren es in der Petersberghalle ungewohnte Sekunden, in denen er routinemäßig funktionierte. Es habe ihm jemand hinter seinem Rücken etwas auf den Kopf gelegt. Eine klare Unsportlichkeit, die mit der Roten Karte zu ahnden ist, habe er in dem Moment gedacht, in dem er sich dem Spieler zuwandte. „Über alles Weitere denkt man erst hinterher nach. Auch darüber, was mir auf den Kopf gelegt worden war.“
Die nicht-öffentliche Berufungsverhandlung, die in Kaiserslautern stattfand, sei sehr harmonisch verlaufen, berichteten alle Beteiligten. Dass sich der Stettener Spieler persönlich entschuldigte und echte Reue zeigte, kam gut an – auch beim Schiedsrichter. Seines Erachtens wären acht Monate Sperre, die ursprünglich im Raum standen, zu hart. Die viereinhalb Monate hingegen, die wegen der Winterpause letztlich nur eine Sperre von sechs Punktspielen bedeuten, seien aus seiner Sicht angemessen.

Stettener Spieler fühlt sich zu hart bestraft

Der betroffene Stettener Spieler fühlt sich indes zu hart bestraft. Er führt ins Feld, dass er bisher unbescholten sei und außerdem bei der TSG Bretzenheim in der Futsal-Regionalliga spielt. „Mit der Sperre ist diese Saison für mich gelaufen“, bedauert er. Unter dem Aspekt ist er in der Tat härter bestraft als ein Fußballer, der nur im Feld aktiv ist. Für solche Feinheiten haben die Sportrichter beim Südwestdeutschen Fußball-Verband zum gegenwärtigen Zeitpunkt offenbar keine Antenne. Ein Hieb von Rüssingen hat das System aus der vertrauten Balance gekippt.
 

 

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